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Vilters-Wangs
26.03.2022

«Sprützä Wangs douhärä»

Hätte viel aus alter Zeit zu erzählen: Die Wangser Spritze.
Hätte viel aus alter Zeit zu erzählen: Die Wangser Spritze. Bild: Pressedienst
Eine kostbare Brandschutz-Zeugin wird bewahrt. Ein Buch dokumentiert die ehrenvolle Geschichte der Wangser Spritze.* (Reinhold Meier, Terra plana, März 2014)
«Terra plana» – die Zeitschrift für Kultur, Geschichte, Tourismus und Wirtschaft Bild: Terra plana

Das einst stolze Gefährt zur Brandbekämpfung mag auf den ersten Blick bloss als nostalgisches Symbol vergangener Tage erscheinen. Doch die liebevoll restaurierte Spritze gilt in Wahrheit als wertvolle und weithin einzigartige Zeugin des aufziehenden industriellen Wandels in der Region vor rund 150 Jahren. Mit ihrer damals neuartigen Technik zeugt sie von jenem tiefen Umbruch, der bis heute nachwirkt.

Dabei wird deutlich, dass bereits die Umstände zur Beschaffung des historischen Löschgeräts einen wichtigen Hinweis auf das neue Denken in der Mitte des 19. Jahrhundert geben, das sich so grundlegend von früheren Epochen unterscheidet. Denn während die Dorfgemeinschaft dem Feuer zuvor weitgehend machtlos gegenüberstand, sah man Brände jetzt immer weniger als tragisches Schicksal, sondern vielmehr als Herausforderung an den menschlichen Erfindungsgeist. Natürlich hatte man auch zuvor versucht, Brände zu löschen, meist mit Eimern, weitergereicht in Menschenketten, die wohl dem sozialen Zusammenhalt dienten, deren Wirkung jedoch bestenfalls darin bestand, den Funkenflug zu begrenzen. Brandherde konnte man mit ein paar durch die Luft geschleuderten Litern Wasser nicht wirklich ersticken.

Ein Wendepunkt in der Ortsgeschichte

So auch in Wangs. Der verheerende Brand von 1790, dem vier Häuser und fünf Ställe, dazu ein Weintorkel, zum Opfer fielen, führte zu Trauer und Leid, veränderte aber zunächst nichts Grundlegendes, Eimerketten blieben im Ernstfall Trumpf. Ganz anders beim grossen Dorfbrand 70 Jahre später, am 9. und 10. Februar 1861. In zwei Etappen brannten damals über zwei Dutzend Gebäude im Dorfkern nieder. In Schutt und Asche sank auch das Heim des damaligen Gemeindammanns Johann Jakob Kalberer, der gerade noch in höchster Not Dokumente der Gemeinde retten konnte, bevor sein Haus in Flammen aufging.

Doch dieses kollektive Unglück wurde zum Wendepunkt in der Ortsgeschichte. Denn diesmal reagierte man. Eine zeitgemässe Spritze musste her, zwar keine dampfbetriebene, wie es sie damals schon gab, aber doch eine mobile, mit einer Deichsel, zum raschen Anspannen von zwei Rössern. Der Entschluss, eine moderne Spritze zu kaufen, wurde ferner buchstäblich befeuert durch die mehr als eindrücklich empfundene Hilfe der Wehren von Vilters, Sargans, Mels, Ragaz und Wartau beim schicksalhaften Brand von 1861. Denn die nahen Nachbarn waren schon auf der Höhe der Zeit und rückten umgehend mit Spritzen an, die sich als wesentlich wirkungsvoller erwiesen, als die herkömmlichen Eimerketten.

Eine neue Ära: Der Situationsplan vom schrecklichen Dorfbrand im Februar 1861 gibt einen Eindruck von der Schwere der Zerstörung. Die grau und schwarz gezeichneten Gebäude waren vollständig niedergebrannt. Bild: Privatbesitz
Zum Einsatz bereit: Vor dem alten Feuerwehrmagazin präsentiert sich die komplette Mannschaft mit Spritze. Bild: Privatbesitz

Wink mit Zaunpfahl

Eindruck hinterliessen dabei namentlich die «auf Leben und Tod gegen das fürchterliche Element streitenden und an musterhafte Ordnung gewöhnten kräftigen Mannschaften». Spritzen und Mannschaften aus Buchs, Balzers und Maienfeld gesellten sich im Laufe der mehrtägigen Katastrophe hinzu. Mit der Eisenbahn sollen zuletzt gar Spritzen aus Glarus, Weesen, Mühlehorn, Walenstadt und Flums herbeigeschafft worden sein.

Hinzu kam, dass die kantonale «Feuer- und Löschordnung» bereits 1811 eindringlich für «auf Rädern stehende, mit messingschem Wendrohr versehene Spritzen» warb und pro Gemeinde deren Beschaffung forderte, mindestens eine pro Dorf. «Es wird verhofft, dass für jene Orte, welche dieses Hilfsmittels noch entbehren, die dringliche Empfehlung genügend sei», hiess es mit jener helvetischen Zurückhaltung, die der Gemeindeautonomie gebührenden Respekt zollte. Doch folgte auch der Wink mit dem Zaunpfahl: «Sollte wider Verhoffen, eine Gemeinde keine Spritze im Besitz haben, wird sie von obrigkeitswegen dazu angehalten.»

Im zweiten Anlauf klappts

Nun, in Wangs genügte der deutliche kantonale Wink, wohl aus Kostengründen, zunächst wenig. Erst der Eindruck des verheerenden Brandes 1861 und der selbstlose Einsatz der nachbarlichen Spritzentrupps bewog die Verantwortlichen, endlich aktiv zu werden und nachzuziehen. Sechs Jahre zog sich die Diskussion noch hin, bis der Rat 1867 endlich die Beschaffung einer  Spritze beschloss. Doch das günstig gelieferte Teil der Firma Dürr aus Altstätten erwies sich schon beim ersten anspruchsvollen Auswärtseinsatz in Sargans 1869 als unbrauchbar, entsprechende Häme im Pizolgebiet gabs gratis dazu.

Um eine zweite Blamage zu verhindern, legte man im erneuten Anlauf 800 Franken obendrauf und erstand bei der Firma Gimpert in Küsnacht ZH eine solide, 3500 Franken teure, fahrbare Handdruckspritze mit zwei doppelwirkenden 7-Liter-Zylindern. Mittels Muskelkraft von 16 ausgewachsenen Mannen vermochte diese sowohl bei Hub als auch Druck jeweils 14 Liter Nass zu fördern, um es alsbald im konstanten, neun Bar starken Strahl gegen das Feuer zu richten. Diese Spritze hielt, was sie versprach, und es dürfte daher kein Zufall sein, dass das robuste, 1,8 Tonnen schwere Feuerwehrmobil bis heute als einziges in der Region funktionstüchtig erhalten blieb.

Bild: Reinhold Meier

Buch als Denkmal

Mario Gruber und Anton Klaus haben dem legendären Feuerlöscher mit dem Buch «Sprützä Wangs douhärä» ein literarisches Denkmal gesetzt. Auf 80 Seiten dokumentieren sie seine Geschichte und Technik. Gruber und Klaus haben viele Stunden damit zugebracht, um die wechselvolle Geschichte aufzuarbeiten. Reich bebildert dokumentiert es das hydraulische Werk der Spritze ebenso detailgenau wie die Vorgeschichte und ihre spätere Restauration. Ein Augenmerk gilt zudem einer Übersicht über die grossen Brände in der Gemeinde, der Alarmierungspraxis und dem Aufbau der historischen Wasserversorgung. Das Buch «Sprützä Wangs douhärä» von Gruber und Klaus ist nach wie vor auf dem Einwohneramt der Gemeinde Vilters-Wangs erhältlich.

Stolze Historiker: Mario Gruber und Anton Klaus freuen sich am Ort des Geschehens über ihr Buch, welches die Spritzen-Geschichte umfassend dokumentiert.  Bild: Reinhold Meier

Unterirdische Kanäle gebaut

Pumpe und Spritze, das war gut, doch technisch Interessierte mögen sich fragen, woher denn jeweils das Wasser stammte, das die Spritze so elegant in den Brandbekämpfungs-Strahl verwandelte. Denn die dreieinhalb Meter lange und fast zwei Meter breite Spritze hatte zwar einen mit Kupferblech verkleideten Eichenholztank an Bord. Der fasste 550 Liter und somit über ein halbe Tonne Wasser. Doch war das Reservoir nach Adam Riese spätestens beim 40. Hub leer gepumpt. Ohne Nachschub gings nicht weiter. Also führte man einen mehrteiligen Schlauch samt Weidenruten-Seiher mit, der jeweils vor Ort in ein Gewässer gehängt wurde. Dazu hatte man einen Kanal gebaut und mit Platten abgedeckt, der das Wasser des Klein- und des Grossbachs auffing und unsichtbar im Dorf verteilte, namentlich zu vier Sammelschächten. Dort in der Nähe hatte die Spritze dann im Ernstfall jeweils zu stehen, damit es genügend Nachschub am nassen Element gab. «Die Schächte sind aber leider untergegangen», erzählt Mario Gruber, der als geistiger Vater der Spritzenrestauration gilt. Er ist noch heute voll von Erinnerungen an jene Zeit ab 1979, als die Auferstehung der verloren geglaubten Spritze binnen vier Jahren über die Bühne ging.

Umgesetzt in die Praxis: Die Spritze in der Seitenansicht. Bild: TP

Wird zu einem geflügelten Wort über die Dorfgrenzen hinaus

Bis 1928 war sie im Einsatz und bewährte sich allein im Dorf bei mindestens 35 Bränden von insgesamt rund 100 Häusern und Scheunen, wie Akten der damaligen Brandversicherungsanstalt belegen. Hinzu kamen Auswärtseinsätze, bei denen der stets markig gerufene Befehl «Sprütza Wangs douhärä» zum weit über das Dorf hinaus bekannten, geflügelten Wort avancierte.

Nachdem Wangs ein Hydrantennetz installiert hatte, verlor die Spritze an Bedeutung. Zwar fand sie nach 1939 noch im neuen Hydrantenhaus Obdach, geriet aber später in private Hände und weitgehend in Vergessenheit. Als Mario Gruber sie 1979 wiederentdeckte, konnte die Rettung beginnen. Die Namen der damals Aktiven sind im Buch «Sprützä Wangs douhärä» festgehalten (siehe Box unten), was Mario Gruber und Autor Anton Klaus besonders wichtig ist. «Ein tolles bürgerschaftliches Engagement», halten sie fest. Gruber berichtet, es sei ein Glücksgefühl gewesen, als er die Pumpe einst entdeckt und bald gesehen habe, dass sie zwar recht zerfallen, das Pumpwerk als eigentliches Herzstück aber noch weitgehend in Ordnung war.

Eine Geschichte voll Leid und Glück

«Wir wollten keine Pinselrenovation, sondern etwas Funktionstüchtiges», erinnert er sich. Er schwärmt aber nicht nur von der eindrücklichen historischen Technik, sondern denkt auch an die menschlichen Schicksale, von denen die Spritze erzählen könnte, vom raschen Eilen zum Brandplatz, von der müden Rückkehr, von den Männern, die hoffnungsvoll pumpten, und jene die retteten, von den Opfern der Katastrophen, von Leid, Freude, Schmerz und Glück.

Umso schöner, dass die Spritze nicht nur als solche dauerhaft der Nachwelt erhalten blieb. Die politische Gemeinde hat den Unterstand mit Bushaltestelle 1985 gegenüber dem «Sternen» erstellt. Seit 1991 gehört die Spritze der Ortsgemeinde und wird vom Feuerwehrverein betreut.

«Dieser Beitrag stammt aus der Märzausgabe 2014 der ‘Terra plana’.»
Reinhold Meier